Kommentar

[07.11.2021] Das bekannte Angebot betreuten Wohnens hat das ZDF am Samstagabend um ein neues Projekt ergänzt. Es heißt betreutes Moderieren, ist allerdings in seiner Form weniger nachhaltig. Zumindest wäre das für Moderator und Publikum wünschenswert.

Dass ausgerechnet das einstige Zugpferd der gepflegten Abendunterhaltung, Thomas Gottschalk, trauriger Mittelpunkt dieses medialen Stresstests war, ist eine schmerzliche Erkenntnis. Die einstige Show-Legende ist nur noch ein Abbild ihrer selbst. Geblieben ist ein liebenswerter Senior mit blondem Haar, der die medialen Geister, die ihn riefen, einfach nicht loslassen kann.

Verloren in der Messehalle

Worum ging es eigentlich? Ach ja, richtig, “Wetten dass…”, jene große Samstagabendunterhaltung, mit der Thomas Gottschalk einst durch spontanen Witz Millionen Zuschauer mitreißen konnte. Geblieben ist ein auf langen Strecken senil erscheinender Showmaster, der nicht mehr weiß, was er da eigentlich macht und verloren durch eine Messehalle irrt, in der er vor Jahren die Wege vorgab.

Und so träumt sich Thomas Gottschalk als ahnungsloser Selbstdarsteller mit seinen Moderationskarten, die er nie zuvor gesehen hat, über Gäste und Wetten hinweg, die er ebenfalls, wie es scheint, gerade erst live kennenlernt. Die Art und Weise, wie er sich selbst ungeschminkt überrascht, manchmal sogar hilflos zeigt, wenn die Welt mit ihren neuen Namen und spontanen Momenten auf ihn trifft, ist fast schon liebenswert. Immer dann möchte man Gottschalk an die Hand nehmen und auf das große Sofa zurückbegleiten.

Michelle Hunziker als rhetorischer Rollator

Man hätte zum 40-jährigen Jubiläum des erfolgreichen Showformats alles machen können: Ein Johannes B. Kerner hätte den Entertainer mit bewegungsaffinen Kindern, fetten Baggern und eloquenten Überraschungsgästen hofieren können. Selbst eine Michelle Hunziker wäre eine auf wunderbare Weise charmante Gastgeberin für Kandidaten und Prominenz gewesen. Nur eines hätten die Verantwortlichen nicht machen dürfen: Einen Thomas Gottschalk dem Publikum letztmals zum Fraß vorzuwerfen.

Apropos Michelle Hunziker. Sie rettete als erfahrene, den verlorenen Augenblicken Gottschalks gegenüber stets feinfühlige Betreuerin immer wieder die Situation, versuchte als rhetorischer Rollator das einstige Urgestein der ZDF-Unterhaltung nicht nur in die Spur zu bringen, sondern auf Kurs in Sachen Konzentration zu halten. Grazie Bella!

Ahnungslosigkeit des Gastgebers

Der Rest war, ungeachtet der unterhaltsamen Wetten, zum Fremdschämen. Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf hatten ihren versteckten Spaß an der auf weiten Strecken und zu späterer Stunde auffallenden Ahnungslosigkeit ihres Gastgebers. Dass selbst ein kurz vor Schluss auftretender Frank Elstner, selbst an Parkinson leidend, Gottschalk in Sachen Moderation die Butter vom Brot nahm, sollte uns alle nachdenklich machen. Vor allem Gottschalk selbst. Doch der steht möglicherweise noch immer in der Messehalle 3 von Nürnberg und verteilt Blumen. (Bild: ZDF)

One thought on ““Wetten dass…?” mit Gottschalk: Der alte Mann kann nicht mehr”

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