Vanessa Mai „Schlager“: Kommentar

Vanessa Mai „Schlager“: Kommentar

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Kommentar von Marc Fischer

Ich erinnere mich, dass es in unserer Kindheit Schokoladen-Zigaretten gab. Mit diesen stellten wir uns ganz cool neben unsere Bonanza-Fahrräder und ahmten das Rauchen nach. Wir wollten erwachsen wirken, wollten dazu gehören. Es war eine verrückte Zeit. Auch der nachgemachte Aufdruck auf den süßen „Glimmstengeln“ konnte nicht darüber hinwegtäuschen: Hinter der Fassade, nach dem Auspacken, fand man eben keinen Tabak, sondern Schokolade. Lecker, aber eben einfach Schokolade.

Alles, nur kein Schlager

Als ich das heute veröffentlichte Album von Vanessa Mai „Schlager“ hörte, musste ich unweigerlich an die Geschichte mit den Zigaretten-Imitationen denken. Da ist eine 26-Jährige, die soliden, deutschen Pop präsentiert. Nicht mehr und nicht weniger. Ein bisschen Beat, ein wenig Dance, als PR-Schmankerl noch einen Rap mit Olexesh, fertig ist die neue CD, für die Vanessa Mai mit ihrem Namen steht. Nicht mit dem Titel des Albums, sondern einfach nur mit dem eigenen Namen. Es wäre verfehlt, das Album als misslungen zu bezeichnen. Ganz im Gegenteil. Und ja, irgendwie sind die Songs auf Vanessa Mai zugeschnitten. Nur eines sind sie nicht: Schlager.

Umso befremdlicher ist es, dass die Sängerin es sich nicht nehmen lässt, in jedem noch so kleinen Interview vorab und wichtig darauf hinzuweisen, dass Schlager eben anders sein kann und darf und sie – Vanessa Mai – weiterhin nichts anderes, als Schlager mache. Falsch. Schlagermusik definiert sich nicht durch den Aufdruck eines Albums, oder das „aber weil“ des Künstlers. Ebenso wenig, wie eine Schokoladen-Zigarette einen echten Raucher beglücken könnte. Wenn ein Song nach Katy Perry klingt, dann ist es unerheblich, ob er in LA produziert wurde, oder wie ihn die Künstlerin selbst beschreibt.

Gelungene Neuaufnahmen

Eines ist klar: Schlager hat sich verändert. Zwischen gestern und heute liegen in der Schlagermusik Welten. Doch ganz gleich, ob man eine Mary Roos, einen Bernhard Brink, einen Roland Kaiser, oder einen Andy Borg von damals mit deren Songs von heute vergleicht: Es ist eindeutig und unverkennbar Schlager. Schlager hat keinen Grund, sich zu verleugnen. Und er braucht niemanden, der es als seine persönliche Verantwortung sieht, mit einem imaginären „Schubladendenken“ aufzuräumen und versucht, dem Publikum Schwarz für Weiß vorzumachen. Musik ist selbsterklärend.

Die Neuaufnahmen der bekannten Titel von Vanessa Mai auf dem aktuellen Album sind hingegen wirklich schlagerlastig. „Wolke 7“ und „Du bist meine Insel“ kommen im modernen und tanzbaren Sound daher. Bei den satten Gitarrenklängen zu Anfang von „Jeans, T-Shirt und Freiheit“ möchte man gleich das Lagerfeuer rocken. Das alles ist eben moderner „Schlager“ und zeigt: Auch Vanessa Mai hat die „Wolkenfrei“-Zeit nicht ganz verdrängt.

Was wir in der Musikszene brauchen, sind Sängerinnen und Sänger, die zu dem stehen, was sie machen und nicht solche, die erst etwas erklären müssen, damit andere begreifen, dass sie dazuzugehören. Jedem sei der musikalische Stil zugestanden, der zu ihm (oder ihr) passt und in dem er (oder sie) sich wohlfühlt. Musik ist nun einmal egoistisch. Für den Künstler und den Zuhörer. (Bild: Marius Sperlich)

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