Schlager und Charts: Die Führungslüge

Die offiziellen deutschen Album-Charts warteten Mitte Januar mit einer echten Überraschung auf: Daniela Alfinito schaffte mit ihrer Neuveröffentlichung „Du bist jede Träne wert“ den Einstieg von 0 auf 1 in die von GfK-Entertainment wöchentlich ermittelte Rangliste. Damit gelang der singenden und bis dato eher unter ferner liefen bekannten Altenpflegerin aus dem hessischen Hungen etwas schier Unglaubliches.
Nicht nur, dass sie zum ersten Mal die Spitzenposition der Albumcharts ergattern konnte – mit ihrem Top-Einstieg verdrängte sie Größen, wie Udo Lindenberg und Herbert Grönemeyer auf die Plätze. Die Medien überschlugen sich, und Daniela Alfinito wurde, pünktlich zur Neuerscheinung, zum Mittelpunkt der musikalisch-schlagerlastigen Berichterstattung. Selbst Publikationen und TV-Sender, die ansonsten wenig mit Schlager zu tun haben (wollen), schlossen sich den Lobeshymnen an.
Eine Woche später ist das hochgelobte Chartbeben vorbei und am Ende. Man könnte es auch italienisch ausdrücken: „al finito“. Doch Häme ist unangebracht. Eher bedarf es einer Analyse der Ereignisse. Tatsache ist: Die vordersten Plätze in den offiziellen deutschen Album-Charts gehören wieder denjenigen, mit denen man rechnen kann. Daniela Alfinito ist nur eine Woche später mit ihrer neuen CD nicht mal mehr in den Top 10 vertreten, sondern erreicht in Woche Zwei gerade noch Rang 19.

Ist der Schlager wirklich so kurzlebig?

Sicher nicht. Wir wurden vielmehr Zeugen einer fehlenden Nachhaltigkeit, die, möglicherweise von großen Investitionen im Hintergrund gesteuert, am Ende ein verzerrtes Bild von Erfolg und musikalischer Qualität abgibt. Zum Nachteil für den Künstler, oder die Künstlerin. Der Verdacht liegt nahe, dass es sich für einige PR-Strategen lohnt, Neuerscheinungen wie eine Silvesterrakete abzuschießen, sich für Sekunden am Lichterglanz des Feuerwerks zu erfreuen, um am Ende die leere Pappröhre zu entsorgen. Das Feuer ist schon für die nächste Veröffentlichung entzündet.
Daniela Alfinito ist nur ein Beispiel für ein einmaliges Chartspektakel. Ähnliches konnte man bereits bei Vanessa Mai, oder den Amigos feststellen. Das alles kostet Geld – aber der finanzielle Input für ein paar Tage Publicity ihrer Künstlerinnen und Künstler ist für einige Macher, welche die Fäden hinter den Kulissen ziehen, anscheinend eine interessante Investition.

Musikverkäufe lassen sich steuern

Die Offiziellen Deutschen Album-Charts werden von GfK-Entertainment regelmäßig im Auftrag des Bundesverbandes Musikindustrie ermittelt. Basis der Ranglisten sind die Verkaufszahlen und Nutzungsdaten von 2.800 Einzelhändlern aus stationärem Handel, E-Commerce, Download-Portalen und Streaming-Plattformen. Abgedeckt werden, laut eigener Angaben, rund 90 Prozent aller Musikverkäufe.
Wie kann es also sein, dass eine vergleichsweise recht unbekannte Künstlerin mit knapp 1.700 Facebook-Freunden, überschaubaren Radioeinsätzen und einem Fanclub von gerade einmal rund 500 Mitgliedern plötzlich die Charts stürmt? Für einen bekannten Produzenten, der namentlich nicht genannt werden möchte, ist das nichts Ungewöhnliches. „Musikverkäufe lassen sich steuern“, sagt er im Gespräch. Gerade bei Neuveröffentlichungen sei es beispielsweise für Musikfirmen und Verlage möglich, große Mengen an Alben auf dem Markt (wieder) aufzukaufen. „Dadurch steigen auf dem Papier die Verkaufszahlen, obwohl die CD in dieser Nachfrage nie beim Kunden angekommen ist.“ Auch andere Brancheninsider bestätigen dieses Vorgehen. Der Vorteil: Der Künstler ist zumindest einmal im Gespräch und medial präsent.

Nachhaltigkeit zeigt sich nach Wochen

Damit kann der Wert von Einstiegsplatzierungen grundsätzlich relativiert werden. Ob ein Album tatsächlich ein echter Knüller ist, zeigt sich – wenn überhaupt – dann erst nach Wochen – und nicht als One-Time-Top. Viele Veröffentlichungen starten auch erst auf weit unten liegenden Plätzen und steigern sich im Laufe der Zeit. Auch das ist ein echter Beleg für Nachhaltigkeit und Käuferinteresse. Insofern sollten Medien in Sachen Neuvorstellung und „Top-Platzierung“ künftig entspannter bleiben. Charts können nur allzu schnell zu Fehlinterpretationen führen – nur Tränen lügen nicht. (Bild: pixabay.com)
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