[10.12.2020] Der Leiter des Robert-Koch-Instituts, Prof. Lothar Wieler, hat am Donnerstagvormittag die aktuelle Corona-Situation in Deutschland als „besorgniserregend“ bezeichnet. Die Gesundheitsämter seien zunehmend erschöpft, Intensivstationen in Krankenhäusern würden regional an Belastungsgrenzen stoßen und es gebe mehr Infektionen in Alten- und Pflegeheimen. Am Donnerstag hatte es mit insgesamt 23.679 registrierten Infektionen innerhalb von 24 Stunden einen neuen, traurigen Höchststand an Fällen gegeben.

Wieler bezeichnete das Infektionsgeschehen innerhalb der Bevölkerung als „diffus“. Das derzeit erreichte Plateau registrierter Infektionen sei fragil, so der RKI-Chef. Schnell könne es zu einem weiteren, deutlichen und unkontrollierten Anstieg der registrierten Fälle kommen.

Wieler schließt harten Lockdown nicht aus

Als Gründe für die Entwicklung des Infektionsgeschehens mit steigenden Infektions- und Todesfällen nannte Wieler eine sich abzeichnende Ermüdung in der Bevölkerung und ein damit einhergehendes, verändertes Risikobewusstsein.

Hinzu komme ein weiterer, deutlicher Marker: „Wir sehen, dass die Anzahl der Kontaktbeschränkungen nicht ausreicht.“ Daten der laufenden Cosmo-Studie, zusammen mit der Universität Braunschweig, zeige, dass man in Deutschland auf eine Reduktion von 40 Prozent der Kontakten komme. Erforderlich sind aber 60 Prozent, sagte Wieler. Falls das nicht erreichbar sei, komme man über einen erneuten, harten Lockdown nicht herum.

Konsequent mitmachen und Regeln einhalten

Deutlich seien regionale Unterschiede bei der Entwicklung der Fallzahlen. Das zeige, dass die geltenden Infektionsschutzmaßnahmen wirkten, wenn sie nur effektiv umgesetzt werden, mahnte Wieler.

Erneut erinnerte er an die konsequente Einhaltung der AHA+L-Regeln. Sie würden helfen, nicht nur Covid-19-Erkrankungen, sondern auch andere akute Atemwegserkrankungen einzudämmen und zu verhindern. Das zeigten die Meldedaten der Arztpraxen sowie die übrigen Beobachtungssysteme. „Infektionen können verhindert werden, wenn wir alle konsequent mitmachen, Regeln einhalten und Kontakte auf das zwingend notwendige reduzieren“, so Wieler wörtlich.

Weihnachten auf das Virtuelle beschränken

Mit Blick auf die bevorstehenden Weihnachtsfeiertage mahnte Wieler an die Vernunft der Bevölkerung, keine Reisen und Besuche quer durch Deutschland vorzunehmen. „Wir wissen, dass das kein hilfreiches Szenario wäre, so der RKI-Chef. Anderenfalls, dahingehend seien sich Wissenschaftler einig, müsse man davon ausgehen, dass im Anschluss sowohl Covid-19-Infektions- als auch Todesfälle deutlich steigen würden.

Ein beschauliches Weihnachten zu feiern sei in diesem Jahr auch ohne übermäßige, direkte Kontakte möglich. Man können besinnlich feiern und positiv in das neue Jahr blicken, wenn der Impfstoff vorhanden sei. „Ich kann alle Mitmenschen nur bitten, dass Sie Weihnachten nicht reisen, sondern Begegnungen auf das Virtuelle beschränken“, sagte Wieler.

Impfungen nach Priorisierung

Der RKI-Chef ging auf den vorliegenden Entwurf der STIKO zu den bevorstehenden Impfungen ein. Dieser liege jetzt den Bundesländern und Fachgesellschaften vor, die dazu Stellung nehmen werden. In welcher Form die Empfehlung schließlich umgesetzt wird, hänge von der verfügbaren Zahl der Impfstoffdosen ab. Es sei üblich, dass bei einer anfangs unzureichenden Zahl vorhandener Impfungen eine Priorisierung erfolgen müsse. Diese werde nach ethischen Prinzipien und nach wissenschaftlicher Evidenz erfolgen.

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