Kommentar

[01.11.2021] Wer mit 200 Stundenkilometern auf eine Wand zusteuert und sich wenige Meter vor dem Aufprall für ein Abbremsen entscheidet, kann so fest auf das Pedal drücken, wie er möchte. Helfen wird es nicht. Es knallt. Das Bild lässt sich überaus treffend auf die aktuelle Situation in der Corona-Pandemie übertragen.

Es ist erschreckend, mit welcher Chuzpe eine große Zahl politischer und leider auch medizinischer Entscheider immer wieder neue, teils absurde Rahmenbedingungen entwickelt, um das Coronavirus – endlich – zu beherrschen. “Endlich” ist ein großes Wort. In der Virologie existiert es nicht. Doch jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt für philosophische Spitzen.

Regelungen ohne Konzept

Deutschland steht am Herbstbeginn 2021 vor einem Scherbenhaufen nachhaltiger Gesundheitsfürsorge. Das persönliche Wohlergehen, bislang unangreifbar, höchsteigen und für Dritte indiskutabel, ist zu einem Spielball politischer Regelungen ohne Konzept und einem öffentlich bewertbaren Allgemeinplatz geworden.

Entscheidungen anderer werden diskutiert, Menschen versuchen auf Menschen Einfluss zu nehmen, Fragen und Überlegungen werden bereits im Keim erstickt, kritisches Hinterfragen ist ein Vergehen. Wer am lautesten brüllt, wird gehört. Wer die für seine Auffassung passenden Studien liefert, gewinnt. Wer die Massen hinter sich weiß, bekommt den Punkt. Spiel, Satz und Sieg.

Bereitschaft zu Dialog verloren

All das macht die Lauterbachs, Streecks, Schmidt-Chanasits, Brinkmanns und Cieseks dieser Zeit nicht wahrhaftiger. Sie alle haben eines gemeinsam: Blind von eigenen Überzeugungen und von falschem Ehrgeiz getrieben ist Ihnen die Fähigkeit zu echtem Dialog verloren gegangen. Eines wird häufig vergessen: Sie alle können und werden nicht übers Wasser laufen.

Denn allen Mahnungen, Warnungen und Maßnahmen zum Trotz stellen wir fest: Mehr als zwei Drittel vollständig Geimpfter, “Booster” und G-Regeln haben uns dorthin geführt, wo wir uns aktuell befinden: Im rasenden Tempo vor der Wand. Wer Gesundheit auch nur ansatzweise sportlich betrachtet, hat das Verständnis von und die Demut vor dem Leben verloren.

Die Unverantwortlichkeit von “viel hilft viel”

Die Inzidenzen steigen. Ob wir mit 150, 180 oder 200 Stundenkilometern auf die Wand zurasen – es ist völlig egal. Der schmerzliche Aufprall kommt näher. Da können wir noch so fest auf die Bremse treten. Was bleibt ist, das Steuer mutig herumzureißen.

Was verspricht man sich von der Wiedereröffnung der Impfzentren, dem Boostern auf Teufel komm’ raus und einer sicher schon bald kommenden vierten und fünften Impfung? Sind Politik und Medizin inzwischen wirklich so wissenschaftlich abgestumpft, dass sie nur noch der gefährlichen und kraftlosen Maßgabe “viel hilft viel” folgen?

Die Inzidenzen steigen. Wer nach dem “Warum” fragt, dem wird die Mär der hohen Zahl ungeimpfter Verräter der Gesellschaft vorgehalten. Dass dies’ weder wissenschaftlich noch ethisch vertretbar und begründbar ist, kümmert niemanden. Nicht einmal den Ethikrat selbst, der in den vergangenen eineinhalb Jahren seine Chance hatte, sie aber, wie viele in dieser Pandemie, verspielt hat.

Inbrunst des Allwissenden

Dass vor Kurzem allein acht geimpfte Menschen in einem Seniorenheim in Brandenburg starben, ist anscheinend uninteressant. Es waren Menschen, die im vermittelten Vertrauen auf einen Impfschutz an ihrem Leben hingen. Sich als Politiker oder Virologe hinzustellen und mit der überzeugenden Inbrunst des Allwissenden zu verkünden, dass die Schuldigen die ungeimpften Mitarbeiter seien und eine Impfung zudem nicht nur dem eigenen, sondern dem Schutz der Gesellschaft diene und nie eine 100-prozentige Sicherheit biete, ist nicht nur Polemik pur, sondern ein Schlag ins Gesicht all jener, die für sich selbst die Entscheidung pro Impfung trafen.

Ende des blinden Therapie-Aktionismus

Spätestens der Fall Schorfheide sollte auch dem letzten virologischen und politischen Langschläfer gezeigt haben, dass die Zeit des blinden Aktionismus in der Pandemie-Therapie vorbei ist. Auf Verdacht zu behandeln hat noch niemandem geholfen. Erst recht nicht bei Covid-19. Vor allem haben wir es im Jahre 2.400 nach Hippokrates nicht nötig. Das sollten die hochgeschätzten und erfahrenen Expertinnen und Experten längst erkannt haben. Haben sie offenbar nicht. Oder sie wollen es nicht formulieren. Letzteres würde die Schande komplett machen.

Der Aufruf “Impfen, impfen, impfen” war noch nie vertretbar und ist ähnlich absurd, wie “operieren, operieren, operieren”. Ohne gesicherte und individuelle Erkenntnisse über Immunitäten mit und ohne Impfschutz, über altersbezogene Infektionsrisiken und den Verlauf bei und nach Infektionen können wir alle zusammen weiter auf die Bremse drücken. Impfzentren können an Packstationen und Tankstellen installiert, für jeden Stich dürfen gleich zwei Bratwürste versprochen werden. Fühlt sich gut an und beruhigt das politische Gewissen. Nur, verdammt nochmal, hilft es nichts.

Handelt jetzt

All das zu ändern, hätte man seit dem Frühjahr 2020 ausreichend Zeit gehabt. Doch wo stehen wir? Das RKI schätzt noch immer die Impfquote, und die Bundesregierung hat keinen Überblick über die aktuelle Zahl von Impfzentren. Ein Bundesgesundheitsminister schließt Impfzentren, um diese, wie nachhaltig, kurze Zeit später wieder zu eröffnen. Danke. Setzen. Sechs.

Immer mehr Ärztinnen und Ärzte beginnen, die Verantwortlichen wachzurütteln. Handelt jetzt! Die Corona-Pandemie kann und darf nicht mehr auf Verdacht und flächendeckend behandelt werden. Sie muss endlich individuell angegangen werden, basierend auf den medizinischen Grundlagen des Einzelnen. Die Feststellung der Immunität ist dazu ein, wenn nicht sogar der wichtigste Baustein.

Ja, die genannten Maßnahmen kosten Geld. Aber diese Finanzierung müsste aus der Einsparung bei der Zahl der Intensivbetten in ausreichender Menge zu Verfügung stehen. (Bild: pixabay.com)

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