Kommentar

[06.03.2021] Heute schon beim Discounter Ihres Vertrauens gewesen? Wegen der Angebote. Nein, nicht die saftigen Kokostörtchen in der praktischen 400 Gramm Packung. Auch nicht die Impidimpi Kleinkinder Klett-Sneaker für nicht einmal 13 Euro. Ab heute gibt es die Inzidinzi-Jedermann-Virus-Checker – selbstverständlich nur erhältlich in den handelsüblichen Mengen.

Was ist bei Corona-Selbsttests bitte eine “handelsübliche Menge”? Wer handelt schon mit Gesundheit – abgesehen von der Politik?

Der Shot im Plastikrahmen

Eine Frage, über die man sich später Gedanken machen darf. Denn in einer Filiale an der Ostsee waren die Schnelltests fürs heimische Wohnzimmer an diesem Samstagmorgen bereits nach zwölf Minuten ausverkauft. Für 25 Euro die Packung, macht pro Test 5 Euro. Andere Niederlassungen werden folgen. Die Massen lassen sich ein Jahr nach Beginn der Pandemie perfekt beeinflussen.

Schnelltests in Sachen Corona. Der unsichtbare Gegner wird endlich greifbar. War es bislang Ingwer, gibt es den Shot jetzt im handlichen Plastikrahmen. Wenige Tropfen, ein bisschen Farbe auf Lackmus, das Risiko stets vor Augen, aber in der wunderbaren Entscheidungsfreiheit, es ernst zu nehmen oder nicht. Corona-Selbsttest ist wie Bungee-Jumping mit Nothalt. Wohlgemerkt nach dem Absprung.

Spiel mit dem Virus-Feuer

Die Baumärkte haben noch geschlossen. Da bringt Papa zu den Brötchen noch den Schnelltest mit. Aber erst für heute Abend, Ordnung muss sein. Stimmungsvolles Testen in Familie, anschließend “Frag’ doch mal die Maus” im Fernsehen. So geht heimelige Stimmung in Pandemie-Zeiten.

Fast jeder, so scheint es, hat in diesen Tagen und Wochen den Respekt verloren. Vor Erkrankungen, vor anderen, vor sich selbst. Spiel mit dem Virus-Feuer: Testest Du noch oder hast Du es schon?

Der trügerische Duft von Freiheit

Ungeschriebene Gesetze von Ethik und Moral gehen über Bord. Eine längst im Dickicht nachhaltiger Pandemiebekämpfung verirrte Politik überzeugt die Massen noch immer mit dem Aufruf, auf professionelle Navigation zu verzichten und dem Prinzip Kahlschlag zu folgen. Unterstützt von lauten Experten, die vor allem nur noch sich selbst, nicht aber mehr ihre eigentliche Aufgabe in den Mittelpunkt stellen.

Konzerne wollen Menschen impfen, der Einzelne gibt gegenüber der Belegschaft von Discountern bereitwillig Auskunft über seinen Gesundheitszustand, und Virustests für den Hausgebrauch erhalten das Prädikat Allheilmittel. Das Wort “Freitesten” hält Einzug in eine ohnehin gesundheitlich zerrissene Gesellschaft. “Du kommst aus dem Gefängnis frei”. Freikaufen. Freitesten. Der Unterschied zum schlechten Brettspiel ist marginal.

Zwischen Badstraße und Schlossallee regt sich, pünktlich zum Frühlingsbeginn, der trügerische Duft von Freiheit, die man angeblich “ertesten” kann. Recht und billig wird vom Sprichwort zum Rezept. Einem Rezept ohne Wirkung.

Damals war mehr Hippokrates

Denn die wenigsten Menschen wissen, was ein Testergebnis bedeutet. Die Antwort ist ernüchternd: Nichts. Rein gar nichts.

Wer negativ ist, für den gelten weiterhin sämtliche Auflagen von Hygiene und Abstand. Wer positiv ist, für den beginnen aufregende Zeiten: Anruf beim Gesundheitsamt, Nachkontrolle, PCR-Testung, im Zweifel 14 Tage Quarantäne. Das könnte man auch mit 25 Euro zusätzlich in der Tasche haben: Wenn man Symptome beachtet und dann – und nur dann – entsprechend und im Bewusstsein für sich selbst und andere handelt.

“Ich werde mein medizinisches Wissen zum Wohle der Patientin oder des Patienten und zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung teilen”, heißt es im Genfer Gelöbnis. Damals war mehr Hippokrates. Der hat sich inzwischen auf sein Podest zurückgezogen, sprachlos schweigend. Kopfschütteln kann er nicht. (Bild: pixabay.com)

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