Schutz vor Viren bietet die sogenannte Immunität. Der Körper baut dabei mittels bestimmter Blutzellen eine eigene Abwehr auf. Hauptbeteiligte an einer Immunität sind die Antikörper. Einfach erklärt, spüren diese den Eindringling in Form eines Virus auf und machen ihn unschädlich.

Eine Immunität entsteht in der Regel nach einer Infektion oder nach einer Impfung. Umso überraschender erscheint es, dass sowohl Gesundheitsministerium als auch Robert-Koch-Institut (RKI) bei SARS-CoV-2 dem möglichen Antikörpergehalt wenig Bedeutung beimessen. Wichtig sei der Zeitpunkt der Infektion, nicht der Gehalt an Antikörpern, den Ärzte als Titer bezeichnen. Aus diesem Grund wird auch nicht empfohlen, den Antikörperspiegel vor einer Impfung zu messen, um so festzustellen, ob jemand eine Infektion durchgemacht hat und möglicherweise bereits immun ist.

Wir fragen nach bei Prof. Falk Nimmerjahn. Er ist Genetiker und Immunologe an der Universität Erlangen-Nürnberg und Experte für Antikörper.

Prof. Dr. Falk Nimmerjahn ist Genetiker, Immunologe und Experte für Antikörper an der Universität Erlangen-Nürnberg

Herr Prof. Nimmerjahn, spielen Antikörper bei Corona tatsächlich keine Rolle?

Nein, da muss man ganz klar widersprechen. Antikörper spielen im Rahmen der Immunität gegen Corona bzw. SARS-CoV-2 – und das gilt übrigens auch für Influenza und andere respiratorische Viren, also Viren, die unsere Atemwege betreffen – eine ganz wichtige Rolle. Allerdings ist es schon so, dass der Nachweis von Antikörpern nicht trivial ist. Im Rahmen einer Impfung, denken Sie nur an Hepatitis oder die jährliche Influenza-Impfung, messen wir eigentlich nie den Antikörper-Titer. Das ist ja die Menge der Antikörper, oder noch viel wichtiger, die Menge der Antikörper, die das Virus tatsächlich neutralisieren kann. Das ist technisch sehr schwierig machbar, da brauchen Sie Speziallabore, deswegen ist das eigentlich nicht generell durchführbar. Das heißt aber nicht, dass Antikörper keine wichtige Rolle spielen.

Es gab Zeiten, da war das anders. Ich erinnere mich beispielsweise an die Tetanus-Impfung, da war die Bestimmung des Antikörpergehalts noch gängige Praxis. Das ist jetzt anders?

Ganz genau. Früher wurde der Titer gemessen. Über die Jahre hat man jedoch ein Gefühl dafür entwickelt, wie viel Prozent der Bevölkerung mit einer guten Antikörper-Antwort reagieren. Da hat man mittlerweile sehr gute Erfahrungswerte. Man geht einfach davon aus, dass 80 Prozent, die ich impfe bzw. immunisiere, dann auch eine ausreichende Antikörper-Antwort zeigen und der Titer eben über fünf oder zehn Jahre, teilweise ein Leben lang, anhält. Aber, ganz klar: Es wird immer wieder einzelne Personen oder Personengruppen geben, wo das nicht der Fall ist. Diese nennen wir in der Medizin “non responsive”, die verliert man natürlich aus den Augen, wenn ich den Titer nicht analysiere.

Erstaunliche Ergebnisse nach Titer-Kontrolle

Beziehe ich das auf Corona oder besser Covid-19 lässt sich also sagen: Für die Impfung ist es völlig egal, ob jemand nach durchgemachter Erkrankung eine Immunität besitzt oder nicht?

Genau. Die einzige Empfehlung lautet tatsächlich: Wenn ich gerade eben eine Covid-19-Erkrankung habe, sollte man nicht drüber impfen. Das gilt aber generell für Situationen, in denen der Körper nach einer Infektion eine natürliche Immunität aufbaut. Aber, sobald eine Covid-19-Erkrankung abgeklungen ist, kann man sich ganz normal impfen lassen. Anzumerken ist auch, dass viele Menschen gar nicht mal merken, dass sie erkrankt sind oder waren.

Nun führen viele Hausärzte eine freiwillige Bestimmung des Antikörpergehalts vor einer Impfung durch. Ist das sinnvoll?

Das kann man machen, und tatsächlich findet man dabei sehr erstaunliche Ergebnisse. Menschen, die von einer Covid-19-Infektion stark betroffen waren, haben oft einen sehr geringen Antikörpertiter. Andere haben eine sehr hohen Antikörpertiter, obwohl sie ihre Infektion gar nicht bemerkt haben. Genau das ist das eigentliche Problem. Wir können den Titer bestimmen, aber die Schlussfolgerung daraus: Jemand hat einen hohen Antikörpergehalt, deshalb würde man ihn oder sie nicht impfen, kann man nicht ziehen. Das hängt damit zusammen, dass wir, im Gegensatz zu anderen Impfungen, einfach noch nicht wissen, wie lange eine sogenannte Immunantwort gegen Covid-19 andauert. Hinzu kommt, dass bei vielen Genesenen, die zu Anfang einen hohen Antikörpertiter zeigten, dieser nach einen halben Jahr gar nicht mehr nachweisbar ist. Es sieht also so aus, dass die Immunantwort bei Covid-19 nicht wirklich lang anhaltend ist. Deswegen die Empfehlung, auf jeden Fall zu impfen, nachdem die Symptome abgeklungen sind.

Blindflug, in den wir uns begeben

Wenn ich Ihre Aussage nochmals aufgreife: Sie sagten, “wir wissen noch nicht”, das bedeutet, wir wissen vieles noch nicht, was Covid-19 und die Impfungen angeht. Wir wissen auch nicht, welche Auswirkungen zwar zugelassene, aber nicht langzeitgetestete Impfungen auf Long-Covid haben. Wir sind also in einer Art “Blindflug” und wägen nach Risiko-Nutzen ab?

Absolut. Da muss man sagen, das ist tatsächlich ein gewisser Blindflug, in den wir uns hier begeben. Nun wird man im Vergleich mit anderen Ländern, zum Beispiel Israel oder Großbritannien, in denen das gesellschaftliche Leben schon viel weiter ist, sehen, inwieweit sich Long-Covid entwickelt und inwieweit uns auch diese Impfung vor Long-Covid schützen wird. Daher ist die Empfehlung des RKI und seitens anderer Wissenschaftler, auch langfristig zu sehen. Auch wenn wir jetzt alle geimpft sind, sollten wir weiter auf bestimmte Hygienemaßnahmen für einen längeren Zeitraum achten. Einfach, weil wir noch nicht vorhersagen können, ob uns die Impfung nur vor besonders schweren Verläufen und der Intensivstation schützt, sondern auch vor Long-Covid. Das müssen wir erst epidemiologisch herausfinden.

Lassen Sie uns nochmal auf die Immunität zu sprechen kommen. Abseits der Antikörper gibt es auch eine zelluläre Immunität. Die ist labortechnisch nur mit komplizierten Verfahren nachweisbar, aber es handelt sich um eine überaus stabile Immunität?

Die Immunität spaltet sich auf in ein immunologisches Gedächtnis, das heißt Zellen, die grundsätzlich ganz lange im Körper erhalten bleiben, und wir haben die Antikörper produzierende Zellen, die Plasmazelle. Die kann lang- oder kurzlebig sein. Wie lange und wie stabil die Immunität auf Basis des immunologischen Gedächtnisses ist, also wie stark ich auf eine erneute Infektion reagiere, ist verschieden. Das alles müssen wir erst herausfinden, beispielsweise im Rahmen von Sekundärinfektionen im nächsten oder übernächsten Jahr. Das gilt für die Geimpften genau so, wie für die primär Infizierten. Wenn wir sehen, wir haben eine sehr viel stärkere Immunantwort, wir haben vielleicht alle nur noch leichte Nasennebenhöhlenentzündungen, obwohl Antikörper verschwunden sind, dann würde das dafür sprechen, dass wir tatsächlich ein langlebiges immunologisches Gedächtnis ausgebildet haben. Unser Immunsystem wäre dann also nicht in der Lage, die Primärinfektion zu verhindern, aber einfach stärker reagiert und uns vor schweren Verläufen schützt. Auch das ist etwas, das für unterschiedliche Viren unterschiedlich stark ausgeprägt ist, das müssen wir einfach jetzt beobachten.

Unser Immunsystem wird sich anpassen

Wir sehen, vieles ist noch unbekannt und unerklärt in Sachen Immunität gegen das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 und die Impfungen. Wie ist Ihre Prognose, Herr Prof. Nimmerjahn: Es gab Viren, beispielsweise bei der Schweinegrippe, die waren plötzlich verschwunden. Könnte das bei Corona ebenfalls geschehen?

Bei der Schweinegrippe, die wir hatten, handelte es sich ja um eine Form des Influenzavirus, bei der die Impfung sehr gut funktioniert hat. Allerdings ist das eine ganz andere Art von Virus. SARS-CoV-2 gehört zu den Corona-Viren, von denen wir eigentlich ständig umgeben sind. Wie andere Wissenschaftler auch, bin ich der Meinung, dass wir dieses Virus nicht komplett loswerden, wir werden weiter damit leben. Wir leben ja auch schon damit, es handelt sich tatsächlich nur mal um eine neue Variante dieser Coronaviren, die saisonale Infektionen und Erkältungen hervorrufen. Ich glaube, das wird uns erhalten bleiben. Nur wird sich unser Immunsystem entsprechend anpassen, die Impfung wird helfen, dass wir schwere Nebenwirkungen und schwere Krankheitsverläufe eindämmen, aber wir werden SARS-CoV-2 nicht ganz loswerden. Das wichtigste wird sein, dass wir beobachten, wie es sich mit Long-Covid verhält. Wenn wir auch das durch die Impfung unter Kontrolle bekommen, dann spricht überhaupt nichts mehr dagegen die Gesellschaft wieder zu öffnen. Denn wir werden es nicht schaffen, dieses Virus komplett zu eliminieren.

Sendedatum: 14.06.2021 um 12 :15 Uhr

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